14. Peraine 20 Hal

Neferu strich ihm die Haare aus der Stirn. Dunkelblond oder hellbraun, wie Honig, wenn die Sonne sie erleuchtete. Ihre Hand glitt langsamer und länger durch die Strähnen, als es notwendig gewesen wäre. Sie kühlte seinen Kopf mit einem feuchten Tuch, wischte ihm den Schweiß fort. Sie hatte ernsthafte Sorge um ihn, allerdings jetzt, wo sie bei ihm war, weniger als zuvor. Die letzten Schritte vor seiner Tür hatte sie ein quälender Zwang schneller werden lassen. Sie hatte den leisen Gedanken nicht ertragen, dass Dere diesen Mann verlor. Dass Gareth ihn verlor. In unregelmäßigen Abständen erwachte er. Manchmal war er klar, dann wieder unruhig-fiebrig. Mal erkannte er sie, dann fragte er wieder, wer da sei. Sie verhielt sich so still, wie es ihre Selbstbeherrschung zu ließ, erwärmte einen Stein für seine kalten, schweißnassen Füße, kochte einen Tee, dessen Blätter sie vorsorglich mitgebracht hatte. Und ironischerweise kam sie in diesem kleinen, schlicht eingerichteten Kasernenzimmerchen so zur Ruhe, wie schon seit Wochen nicht. Sie war ihm aus dem Weg gegangen, um diesem brennenden Gefühl, dass sie nur zu gut kannte, keine Nahrung zu geben. Aber sie hatte verloren, nachdem er ihr in der Schnittengasse im abendlichen Frühlingswind begegnet war. Er hatte sich umgedreht, ebenso wie sie und ihre Blicke waren sich begegnet. Kein höfliches, verabschiedendes Lächeln, sondern ein kurzer, unsicher-sehnender Blick traf sich von beiden Seiten in der Mitte, ehe sie sich hastig voneinander entfernten, jeder seinen eigenen Pflichten nachgehend. Und jetzt saß sie hier, in der winzigen Kammer eines Offiziers, den Rücken an sein Bett gelehnt und las in dem neusten Schundroman von Rosenkron. Zuerst noch unruhig, schlief er weit nach Mitternacht einen tiefen Schlaf. Sie zog sich auf den Stuhl zurück, den sie mit ihrem Umhang gepolstert hatte.

Was quälte diesen Mann? Warum zog er sich jeder Freundlichkeit gegenüber, die über Höflichkeit hinausging so bestimmt zurück? Er ließ niemanden an sich heran. Wen hatte er verloren? Seine Schwester oder vielleicht.. eine Ehefrau? Das drückende Gefühl in der Magengrube setzte ihr zu. Sie betrachtete im Kerzenlicht sein fieberfeuchtes Gesicht. Er war schon von außen zu ansehnlich, um so allein zu sein. Aber seine wohle optische Erscheinung war nicht gewesen, was sie beeindruckt und fasziniert hatte. Neferu drückte die Lippen sachte aufeinander. Schöne Menschen gab es überall, zu Hauf. Nur leider verhielt sich ihr Inneres in den seltensten Fällen gesund proportional zu ihrem Wesen. Bei Sprengler schien das anders, vielleicht lag es daran, dass er seinen eigenen Worten nach, und dem Spitznamen, den Torfstecher für ihn hatte, ein pummeliges Kind gewesen war. Voltans Geist schien ihr klar und gerecht, aber einsam. Er urteilte nicht vorschnell und gleichzeitig trieb der Aberglaube ihm die Furcht in den Leib. Ihre schlechte Laune hatte er mit Pilzcremebrot zu verbessern gesucht. Und auch als sie mitten in der Nacht zu ihm gekommen war, hatte er ihr voll Ruhe und Aufmerksamkeit im Schein der Kaminglut zugehört. Gut, es war um einen Paktierer gegangen, aber das hatte er nicht vom ersten Augenblick an gewusst. Er hatte ihr den nassen Umhang abgenommen, sie ans Feuer gesetzt und sie mit Wein und Brot verköstigt. Seine Gastfreundschaft und Geduld passte zu dem, was alte Nachbarn über die jüngere Version von ihm gesagt hatten: „Ein so höflicher Junge!“ Torfstecher.., schnellte es durch ihre Gedanken, er kannte Sprengler von früher.. Er konnte vielleicht mehr sagen, über diese verschwundene Schwester und über ihn.
Zwar war ihr der Gedanke an den Vogtvikar unangenehm, hatte es doch erst wenige Wochen zuvor diesen beinahe-Unfall beim abendlichen Gezeche gegeben.. Aber was sollte es. Phexdan hatte Recht: Es war nichts, das sich nicht schnell aus der Welt schaffen ließ. Und sie musste wissen, ob der Phexgeweihte ein Quell neuer Erkenntnisse war.

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