15. Peraine 20 HAL

Ein steinerner, kurzer Schlaf hatte sie übermannt, ehe sie leise ihren Rucksack und den Umhang nahm und sich hinausstahl. Hinaus ins erwachende Gareth. Der frische Wind vertrieb den Geruch von Krankheit, der ihr noch in der Nase steckte. Überall Bewegung. Wie hatte ihr der lange tote Camalan der Karmalqueste im menschenleeren Gareth vermittelt: Wir sind nichts ohne die Menschen, das Leben, den Trubel. Keine Herausforderungen, keine Interaktion, niemand, der einen anerkennen kann. Sie bewegte sich durch den noch dürftigen, morgendlichen Strom von Leben. Auch wenn ihre Gedanken sich um den kranken Weibel rankten, gelangte sie wie von einem unsichtbaren Südweiser bewegt, zu Ahlemeyers alten Sattlerei. Neferu weckte Phexdan vorsichtig, drückte ihm einen zärtlichen Kuss auf die stachelige Wange, ehe sie ihm vom kranken Wachoffizier erzählte. Er war unzufrieden, aber er sagte nichts gegen ihre Entscheidung, sich die letzte Nacht um ihn gekümmert zu haben. Der Tag an der Weststadtmauer im Dienste der Spießbürger verging wie im Traum. Neferu war gedankenvoll, manchmal nicht einmal bei der Sache. Wie durch einen Schleier ließ sie die Pflicht passieren, handelte wie ein Gerät. Sie hasste und genoss ihren Zustand gleichermaßen. Sie kannte ihn, denn sie war und blieb ein Wesen des Gefühls, ganz gleich, ob sie in die graumagische Gilde eintreten oder einen Ratsposten in der Stadt erkämpfen würde. Sie hatte sich unglücklicherweise verliebt. Es tat weh und zeitgleich war es erhebend und süß, wenn sie wenige Augenblicke in der Woche erlebte in denen es sich anfühlte, als würden diese zarten Bande von der anderen Seite erwidert werden. Er hat sich umgesehen… Neferu hatte sich seit Monaten damit abgefunden, dass traviaische Tugend nichts war, das ihr ins Blut gelegt wurde. Ein Geschöpf wie sie lebte Emotion und war geprägt von Phasen wankelmütigen Gefühlschaoses.

Sie würde niemals etwas daran ändern können, auch wenn sie in unregelmäßigen Abständen ebenso daran litt, ihre Liebsten zu verletzen. So wie jetzt Phexdan. Sie liebte ihn mehr als jeden anderen und war sich sicher, dass sein Tod ihr irgendwann den Rest Verstand rauben würde (und sie meinte es nicht literarisch). Trotzdem hatte Voltan Sprenglers Ambivalenz ihren Geist verwirrt und eingenommen. Sie erinnerte sich an seine analytisch-scharfen Blicke mit denen er effizient die Menschen am Tor geprüft hatte, wie ein Dieb seine Beute ermittelte und an den geheimnisvollen Anhänger, der ihn letztendlich als Inspektor der CriminalCammer ausgewiesen hatte und ebenso an das von ihm geknackte Schloss ihres Grundstücks. Er hatte durch all das mehr geöffnet als nur das Tor zu ihrem Garten. Herb wehte eine Böe in ihre Seite und verpasste ihr eine fröstelige Gänsehaut. Am Rand ihrer Wahrnehmung wurde ihr bewusst, dass ihr heutiger Dienst zu Ende und sie auf dem Weg zur CriminalCammer war, um einen der Inspektoren schwer krank zu melden. Sie war nicht in der Stimmung für Erledigungen. Im Grunde hatte es den Anschein, als sei ein stumpfer, lähmender Nebel über sie gekommen, kaum dass sie Voltans Krankenzimmer verlassen
hatte. Es hatte sie wirklich hart und unerwartet erwischt. So wie sie hoffte, dass Sprengler sich bald von seinem Fieber erholte, so betete ein Teil von ihr sehnsüchtig nach ihrer eigenen Erlösung, in welche Richtung die am Ende auch immer ging.

Sie wanderte noch bis nach Sonnenuntergang ziellos durch Gareth. Und je mehr sie über sich selbst nachdachte, desto nüchterner und resignierter wurde ihr Gemüt. Es war nicht gerecht. Nichts was ihr wiederfuhr empfand sie als Gerechtigkeit im größeren Sinne. Überall stieß sie auf schnelles Urteilen, Misstrauen und sogar offenen Hass. Hatte sie sich nicht ihr ganzes Leben bemüht, sich einzufügen, ihren göttergegebenen Platz zu finden? Pfeilschnell schossen die inneren Bilder von einem Extrem zum nächsten. Den Gedankenbildern vom Ausbrennen ihrer Magie verschafften ihr keine Erleichterung, sondern einen trotzigen Zorn auf die Menschen, die sie nicht akzeptieren konnten, wie Tsa sie auf diese Welt gelassen hatte, folgten solche, es zu tun wie sonst auch: Einfach die Gegend zu verlassen. Ein Weiterziehen hatte ihr immer kurze Linderung verschafft. Es half mit Dingen abzuschließen oder sie wenigstens in eine tief vergrabene Kiste zu sperren. Gedanklich natürlich. Um nicht als „Dunkles Gelichter“ zu gelten, entzündete sie in der aufkommenden Dunkelheit mit trägen, zähen Bewegungen ihre Dienstlaterne. Wegrennen, schon wieder? Fragte sie sich selbst und fand keine Antwort. Wenn die Praioten meine Gedanken kennen würden… verfasste sie innerlich mit Unwohlsein. Es war nicht die Vorstellung, wie sie dann auf dem nächsten Scheiterhaufen lichterloh in Rauch aufgehen würde, vielmehr die Tatsache selbst, dass sie Gedanken hatte, die sie niemandem anvertrauen konnte, da sie sie selbst immer wieder zu der Entscheidung veranlassten den Gefühlen eben nicht freien Lauf zu lassen. Sich dem entgegen zu stellen, was sie von Lucinda und auch Luzelin gelernt hatte. Die Frauen hatten sie gelehrt, dass jede Emotion von Sumu herrührte und gelebt werden musste. Dass man sich ihr hingeben muss. Aber das konnte Neferu nicht. Sie wollte es nicht. Denn sie erschienen ihr in Situationen, in denen sie aufgewühlt war, irrsinnig. Und sehr, sehr gefährlich. Wenn sie an Tagen wie diesen litt, sah sie Gareth brennen. Sie sah ihre eigene Rache aus Feuer, Unheil und Zerstörung. Sie spürte diese Wut aufkeimen, die herrührte aus der Zurückweisung und dem Nichtverstehen aller, die sie kannte. Was auch immer in ihr steckte, es glich einem unberechenbaren Wesen, welches sich selbst als Opfer sah und das nicht heraus durfte. Vielleicht hatte sie es selbst erschaffen, indem sie von vornherein ihre sumugegebenen Emotionen bereits als Kind heruntergeschluckt und versteckt hatte. Das war nicht unwahrscheinlich. Sie hatte sich selbst zu einem unter Druck stehenden Kessel gemacht, da sie nie gewagt hatte, den Deckel zu lüften. Aber das Kind war in den Brunnen gefallen, wie schon der Graumagier Salix so treffend bemerkt hatte. Wenn natürlich auch nicht zu den Weltuntergangsszenarien in ihrem Kopf, wenn sie enttäuscht und frustriert war. Es half nur eines: Sich ganz ihrem Herren hinzugeben, listenreich, mit kühlem Kopf und voller Geheimnisse. Und einem Schmunzeln. Und wenn sie auch sonst nichts mit Bestimmtheit sagen konnte, dann doch, dass sie ihr Leben darauf verwettete, dass es Phex allein war, der ihr die Beherrschung schenkte, dem Guten in ihr stets Vorrang zu verschaffen. Sie spürte trotz des Garether Windes die Wärme in sich aufsteigen, hörte im Kopf das samtige Lachen und mit einem Male fühlte sie sich geboren und auf dem richtigen Weg. Wen auch immer sie liebte und in ihrem langen Leben lieben würde, Phex würde als einziger über
ihnen allen thronen, als Stern ihres Innersten. Die Erkenntnis gab ihr Trost. Sie war müde. Nicht nur am heutigen Tag. Sie war es leid, wie schnell sich ihr Kopf verdrehte, wie schnell die Faszination eines ungewöhnlichen Charakters sie schonungslos packte. Männer mussten sich keine Mühe geben. Niemand hatte sie je erobert. Sie selbst war diejenige, die dem Reiz erlegen war, sich in ihre Herzen zu stehlen. Nicht aus spielerischer Bosheit, sondern aus Neugier, Interesse und Verlangen. Ob es nun Garions verstockte Unschuld, Calfangs Verbissenheit, Zerwas‘ animalische Unberechenbarkeit oder Phexdans verspieltes Herumtreiben gewesen war: Sie alle hatten gemein, dass sie in ihr ins Auge gestochen waren. Sie hatte sie absichtlich gereizt und mit aller Leidenschaft an ihrer Seite gewollt– nacheinander versteht sich. Bei Garion war es hastig schnell gegangen, fast beängstigend schnell. Calfang und Zerwas waren härtere Brocken gewesen. Gelohnt hatte es sich nur bei Phexdan. Wie eine Mirhamionette lief sie an den Fäden ihrer Hirngespinste. Ahlemeyers alte Sattlerei tauchte in der Dunkelheit auf. Immer wieder peitschte der beginnende Sturm Tropfen in ihr Gesicht. Egal, wie ihr Leben bisher verlaufen war, sie war nicht zufrieden. Immer nagte es an ihrer Seele. Ob es ein unstillbarer hexischer Wesenszug war oder schlicht die Tatsache, dass es ihr an einem Menschen fehlte, der ihr genau das gab, was sie brauchte und für den sie dasselbe tun konnte, vermochte sie nicht zu sagen. Sie wollte nicht verbittern. Nicht schon jetzt, bei all der Zeit, die ihr blieb, hatte sie noch genug miese Jahrzehnte vor sich, davon war sie überzeugt. Sie wollte durchhalten, starrköpfig und geistesstark.

Ihr klarer werdender Blick offenbarte ihr Ahlemeyers Pension. Es brannte Licht, die Fenster vermittelten Wärme. Augenblicke vergingen, in denen sie sich verhielt wie eine von Yol-Anas Steinstatuen. Gehen? Bleiben? Einfach verschwinden? Ein Ende mit Schrecken? Ein tiefer Atemzug dehnte ihre Brust, als sie sich Phexdans süßes Lächeln vorstellte. Nein. Niemals. Nicht weglaufen. Am Ende sah sie ihn nie wieder und das würde sie für immer bereuen. Für immer. Aber jetzt gerade konnte sie seine Anschmiegsamkeit nicht ertragen. Nicht ihretwillen, sondern seinetwillen. Sie verdiente seine Liebe nicht. Nicht jetzt. Sich abwendend hielt sie schneller auf das Puniner Tor zu. Sie würde durch die Mannluke kommen, mit Hilfe des Ringes der Wache. Der Tempel der Schatten war der einzige Ort, der sich wirklich nach Geborgenheit und Verständnis anfühlte. Sie konnte nicht anders und sprach die lautlosen Worte des Göttlichen Zeichens. Bitte, zeig mir, dass du bei mir bist, mein Herr, mein Liebster, mein Gott. Und sie erflehte heiß sinnend sein Lachen. Und Phex ließ es zu, gab ihr das Gefühl, beschützt zu sein und schmunzelte leise lachend in sie hinein. Doch auch Phex war nicht Satinav. Phex konnte nicht in die Zukunft sehen.

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