20. Peraine 20 Hal

Viel zu früh erwachte Neferu. Ihr Herz klopfte unregelmäßig und laut. Ihr war, als würde ihr Körper mit jedem Schlag in seiner Gesamtheit beben. Ein Verfolgungstraum. Und mit diesem Traum kam der blanke Zorn. Sie ließ sich nicht in die Ecke drängen. Nicht verscheuchen noch schänden. Fremde, schäbige Männer mit faulen Zähnen und stinkenden Schwänzen hatten gewagt, sich ihrer mit roher Gewalt zu bemächtigen. Sie wollte sie tot sehen. Oder mehr. In ihr war eine Feuersbrunst entflammt.

Noch vor Mittag durfte sie gehen. Eigentlich hätte sie heute mit der Torman-Familie zu Mittagessen wollen, um einen Kontakt zur alten Gilde herzustellen. Eigentlich. Statt dessen kleidete sie sich fast gänzlich in Schwarz, wie es selten war und Trug ihre rote Tuchrüstung. Sie wollte nicht noch einmal schutzlos in Eschenrod herumspazieren. Gemeinsam mit Phexdan und Salpico, die – wie sie nebenbei bemerkte – beide in Schwarz und Blau gekleidet waren, hielt sie auf das Puniner Tor zu, in der mittäglichen Perainesonne, die alles, jede Kontur, in klarer Deutlichkeit hervorhob und beleuchtete. Sie wollte sich bedanken. Bei Tormans Eltern. Und sie wollte sich nicht aufhalten lassen. Sie wollte stur tun, was sie heute ohnehin vorgehabt hatte. Sie wollte verbissen anknüpfen. „Wo kommt ihr her und wo wollt ihr hin?“ „Wir sind aus dem Arena-Viertel und wir wollen nach Eschenrod, da wir gedenken da in Kürze ein passables Bordell zu eröffnen. Wir haben vor zu diesem Zwecke eines der Häuser der Familie Bugenhoog aus der Weststadt abzukaufen.“ Ihre Antwort kam schnell und war nicht einmal gelogen.
Sie wurden durchgelassen. Ihrer aller Finstermienen nach verwunderte es sie gar nicht, dass man sie für eine Stichprobe auserwählt hatte. Phexdan und Salpico flankierten die Frau in ihrer Mitte und gemeinsam bogen sie in den Sonnenweg ein, die durch das Elendsviertel führende Ader. Dutzende leere Augen beäugten sie missbilligend, ängstlich oder neugierig. Die Wäscherin Hertwig Butterweck war bei der Arbeit und bekam von Neferu an diesem Tag keinen Kreutzer für eine Information, sondern nur ein knappes Nicken. Ein gutes Nicken. Ein Nicken bedeutete Verbundenheit, die locker oder fest sein mochte. Aber immerhin keine Abneigung. Ihr Ziel war die Mietskaserne, in der Tormans Eltern lebten. Die Mutter machte große Augen, als sie die fünf Dukaten bekam, die Neferu ihr in die Hand legte. „Für meine Freunde will ich nur das Beste.“ Die Frau bedankte sich überschwellig und ihre Dankbarkeit nutzend, kam die Hexe zum Punkt. „Und ich will Kontakt zur Alten Gilde.“

Als sie nach getaner Arbeit und ausgehandelter Abmachung wieder nach unten auf den Markt kam, schlug Salpico die Zeichnungen an, die Neferu von den sechs Männern gemacht hatte – immerhin die Gesichter hatte der Schwarzmagier sie sehen lassen. Phexdan stellte sich auf einen Stuhl, während sich eine dreckige Menschentraube um ihn versammelte. Die Belohnung – Regenbogenstaub –war eine Verlockung für das Gesindel. Huschenden Blickes bewegte Neferu sich währenddessen über den Markt. Sie wollte sich selbsttätig umsehen. Und wider Erwarten war er da. Nicht der Täter, der sie genommen hatte, einer von denen, die zu spät an der Reihe gewesen waren. Er kauerte sich in den Schatten eines Hauses, maß seine Chance zu entkommen. Er hatte sie noch nicht gesehen. Sofort suchte sie Phexdans Augen. Sie gab ihm mit füchsischen Handzeichen zu verstehen. Die Nachricht wanderte weiter zu dem Magier. Und mit dessen Wut hatte niemand gerechnet.

Der Mann hatte von ihr die Wahl bekommen. Den ungebremsten Zorn eines Dämonologen oder die Gerichtsbarkeit. Der Feigling hatte sich selbstverständlich für den zweiten der beiden Wege entschieden. So war er nur des Todes, wie er wohl vermutete. Salpico und Phexdan hielten den Gefangenen, der aus vielen Körperöffnungen blutete, während Neferu sich am Puniner Tor bei Weibel Sprengler anmelden ließ. Sie warteten im Erdgeschoss des Wachturms, ehe der hochgewachsene Mann die Leiter hinabgestiegen kam. Seine Verwunderung wich nach wenigen Augenblicken. Neferu ließ den Gefangenen beschrieben, was sie getan hatten. Das Abpassen der Unvorsichtigen, das Vergewaltigen durch den Ersten, die Störung durch die Jungs und sogar die Absicht, sie anschließend zu beseitigen. Aber das reichte ihr nicht.
„Zeig sie ihm! Zeig ihm die Erinnerung, Salpico! Ihr stimmt doch zu, es selber zu sehen, Weibel?“ Voltan nickte. „Was muss er denn dafür-“
„Memorabia Falsifir.“ Unterbrach ihn die dunkle Stimme des Tulamiden.
Voltan Sprengler griff sich an den Kopf, seine grauen Augen rissen weit auf.
„Macht, dass es aufhört!! Macht es weg!! Nehmt es fort!“ Er ertrug kaum, was er als seine eigene Erinnerung empfand. Salpico schnippte mit den Fingern und machte eine wegwischende Bewegung.
Soviel Macht in diesem Mann.. schlich es bewundernd durch Neferus Kopf. An diesen Tagen sah sie den Brabaker in einem anderen Licht. Die Hexe hatte die Oberhand in ihr. Und sie verlangte nach nichts als Rache.
„Macht ihn fertig für die Rabenstatt.“ Brach es außer Atem aus Sprengler hervor. Blass starrte er seine Gäste an. „Weibel..?“ Die zwei anwesenden Wachen zögerten, „Meint Ihr nicht.. für das Gerichtsverfahren?“ Hastig nickte Voltan Sprengler.
„Für das Gerichtsverfahren. So ist es.“

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