22. Peraine 20 Hal

Gegen Mittag eilte Neferu bei Nieselregen durch Gareth. Der Weg war nur kurz, er führte sie von Ahlemeyers Unterkunft in der Schnittengasse zum Puniner Tor. Sie brauchte dringend Rat. Einen verstandsbetonten Menschen, mit dem sie sich austauschen konnte. Sie musste reden, mit jemandem, der einen kühlen Kopf bewahren konnte oder von dem sie das wenigstens dachte! Zuerst Sprengler, dann Isenbrook und im Notfall auch Dexter Nemrod – so sah es ihr Plan vor.
Lamiadon war bei ihr gewesen. Auf Anraten Salpicos war der Elf gekommen und hatte einen Zauber gewirkt, der in der Lage war Sikaryan zu erspüren, die Lebenskraft, die einem Menschen und anderen lebendigen Wesen zuteilwurde, in der Sekunde, in der sie erschaffen wurden.
Und dieser harmlose Zauber riss ihre Welt aus den Angeln.
Sie war schwanger. So unwahrscheinlich das auch war, so real war es.
Die Vergewaltigung hatte nicht nur ihren Körper geschunden und die Angst in ihr zum Vorschein gebracht, sie hatte auch deutlichere Spuren in ihr zurückgelassen. Male, die die Perainekirche nicht hatten heilen können. Ein Leben war in ihr erwacht und der Gedanke war so erdrückend, dass sie den Wunsch hatte, ihren Körper zu verlassen und in einem neuen, reinen, unbeschmutzen zu erwachen. Der Weibel war zugegen. Dieses Mal machte sie sich nicht den Spaß, sich an ihn heranzuschleichen. Sie wollte ihn nicht necken. Es schien ihr, als sah er die Panik und Abscheu in ihren Augen, er legte die Schreibfeder beiseite und stand von seinem Stuhl auf.
Er rückte ihn und einen weiteren an den Kamin der zugigen Wachstube.
„Setz dich.“ Bat er.
Sie setzte sich.
„Ich bin hier, weil ich jemanden brauche, der bodenständig ist und der mir einen guten Rat geben kann. Ich weiß, wie kennen uns nicht allzu lange, aber ich mag dich.“ Begann sie leise, ohne den Blick von seinen grauen Augen zu wenden. Zwischen ihren Körpern lag Distanz auf zwei Ebenen. Die Stühle waren nicht sonderlich dicht aneinander geschoben worden. Diese weltliche Separation aber war verschwindend unwichtig neben dem zweiten Grund: Sie wollte ihren Körper für sich und er – vielleicht aus seiner Höflichkeit, die ihn von Kindesbeinen an ausmachte heraus – schien es zu ahnen und ließ ihr Raum. Kein tröstendes Streicheln der Schulter, kein Rückenklopfen, nichts. Sie dankte es ihm zutiefst und ging auf in der körperlosen Verbindung ihrer Blicke.
„Es ist etwas passiert… Es ist fast schlimmer, als das, was in Eschenrod passierte, denn immerhin erinnere ich mich nicht mehr daran, dank Salpico. Lamiadon war bei mir. Er wirkte einen Zauber.“ Sie zitterte schwach und blickte ihn vielsagend an.
„Ich bin schwanger. Und es wäre ein Tsafrevel, etwas dagegen zu unternehmen, oder nicht?“
Sie konnte nicht beschreiben, wie es passiert war, aber es war dem Inspektor gelungen, sie zu beruhigen. Kein oberflächliches Ruhigstellen, vielmehr eine innere Ruhe.
Vor Stunden hatte sie ihm mitgeteilt, wie es um ihren körperlichen Zustand bestellt war. Er war bestürzt gewesen, aber er hatte sie trotzdem gerettet.
Er hatte sie weder in den Arm genommen noch diverse Ratschläge erteilt. All das hätte ihr auch nicht geholfen. Stattdessen hatte er ihr Brot mit Pilzpastete gegeben und ihr zugesagt mit ihr in den Tsatempel zu gehen, um nachzufragen. Seine Präsenz nahm ihre Hemmung, diesen Gang zu gehen, denn sie musste ihn nicht alleine beschreiten.
Sprengler hatte sie für die paar Stunden in sein Leben aufgenommen und das hatte ihr wohlgetan. In eine Decke gewickelt lag sie vor dem Kamin, lachte über die Kiste, die er über die Bodenluke geschoben hatte und schmunzelte still über seine Reimgesänge über verhasste Akten in die er sie integrierte. Sie wären danach quitt, sicherte er sich matt scherzend ab.
Und so hart der Boden der Wachstube auch sein mochte, ihr unruhiges Herz legte eine leichte, fast beschwingte Rast ein, verlangsamte, ließ sie tief und langsam atmen. Und sie schlief ein, begleitet vom sachten Kratzen von Feder auf Papier und dem Rascheln von Buchseiten.

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