23. Peraine Hal

Sie wollte nicht mehr! Schluchzend saß sie zusammengekauerte in ihrer Wohnung in Ahlemeyers Altstadthaus und nässte ihre Knie mit Tränen und Rotz.
Phexdan war die Nacht über weg gewesen, hatte sich volllaufen lassen. Und heute… hatte er sie verlassen. Er hatte sein Zeug noch in der Nacht zusammengepackt und sich auf den Weg gemacht. Zwar hatte er sie gefragt, ob sie mit ihm kommen wollte, doch hatte er gewusst, dass sie nicht konnte. Zuviele unerledigte Aufgaben harrten in Gareth und hielten sie. Sie wollte nicht gehen, noch nicht. Doch der Maraskaner war am Ende. Er konnte nicht bleiben in dieser Stadt, die ihm in ihrer Größe und Grausamkeit alles abverlangt hatte.
Zwischen ihren Tränen und dem Gefühl allein gelassen worden zu sein, empfand sie Verständnis. Trotzdem… Ohne Phexdan, ohne die Liebe ihres Lebens war sie dem schwarzen Loch ausgeliefert, das in ihr wartete. Zwar hatte sie Salpico, aber es dämmerte ihr, dass der Schwarzmagier das Schlechte ihres Wesens nur zusätzlich nährte, anstatt es mit Heiterkeit und Verständnis zu besänftigen.
Keinen Tag länger wollte sie bleiben.
Während sie und Salpico ihre Zimmer räumten, herrschte tiefes Schweigen.
Jeder hing seinen eigenen Gedanken nach. Und Nef spürte wie sich Kälte in ihr ausbreitete. Erst im Herzen und von da aus in die Zehen, Finger und jede Haarspitze.
Ihre Mimik wurde härter, der Schmerz nahm ab. Sie war wieder allein. Sie machte Phexdan keinen Vorwurf. Sie verstand ihn voll und ganz, war sie doch selbst oft genug vor Problemen davon gelaufen.

Als die Zimmer leer waren, das wenige Hab und Gut in einer Ecke stand, zog sie ihre besten Kleidungsstücke an, schnitt sich in den Fingern und verteilte das Blut auf ihren Wangen. Satuarias Herrlichkeit.
Galant schob sie ihren Arm in den des Magiers.
„Gehen wir, Salpico. Wir werden ein Haus kaufen.“
Der Handel war gemacht, ihre geschwungene Unterschrift getätigt. Die Bugenhoogs hatten nicht weiter gefeilscht, wie sie es sich erhofft hatte. Fünfhundert Dukaten hatten den Besitzer gewechselt und sie war jetzt die Besitzerin einer dreistöckigen Bruchbude in Eschenrod.
Während Salpico und sie das renovierungsbedürftige Gebäude besichtigten, trugen gut bezahlte Tagelöhner ihre Sachen hinein. Am Ende würde Salpico sie mit einem Zauber schützen. Niemand sollte je wieder Hand legen an die Dinge, die ihr gehörten.
Salpico konnte ihr das Versprechen abringen wenigstens die folgenden drei Tage noch in einer Herberge zu nächtigen in der auch Elster ihren Platz fand. Er mietete ein großes Doppelzimmer im „Schwert in Panzer“ und besorgte ihr den Tollkirschensud. Im Tsatempel (zu dem sie Sprengler am vorherigen Abend geleitet hatte) hatte sie erfahren, dass es nicht nur erlaubt, sondern sogar ratsam war, die Frucht einer Vergewaltigung zu beseitigen. Die Kinder, die daraus erwuchsen trugen nicht selten einen dämonischen Kern.
Sie schluckte den Sud. Zwei Stunden sollte es dauern, ehe er zu wirken begann. Salpico war an ihrer Seite. Für seine Verhältnisse war er überraschend verständig. Er nahm sie in den Arm und spendete ihr Trost. Aber noch während er sie eng an sich gedrückt hielt, war ihr, als sei sie diejenige, die ihm den Halt gab, in der Welt zu bestehen und nicht anders herum. Ihm war das Alleinsein ein solcher Graus, dass er sie brauchte.

Sie tauschten Küsse. Sie brauchte das jetzt. Die Zuneigung eines Menschen, der ihr etwas bedeutete. Salpico war anschmiegsam. Wäre er ein Kater, er hätte geschnurrt, da war sie sich sicher. Neferu sprach von ihrer Rache. Sie redete sich in Rage. Der Tod war nicht genug. Das misshandeln durch einen Dämon – nicht genug. Sie spürte das schwarze Loch in sich größer werden, es verschluckte tsagefällige Farben und unauffälliges Grau.
Und es brannte. Ein dunkler Abgrund, aus dem finstere Flammen loderten, die verzehren wollten. Die Ereignisse hatten an ihrer Willenskraft geschabt, sie abgerieben, nach und nach. Sie wollte die bezahlen lassen, die es gewagt hatten, sich an ihr zu vergreifen – und zwar in einem solchen Maße, dass es nie wieder jemand auch nur erwägen würde, die Hand gegen sie zu erheben! Sie sollten sie fürchten und in geflüsterter Hochachtung von ihr sprechen! Ihre eigene Stimmlage schreckte sie auf. War das noch sie?
Salpicos pechfarbene Augen sahen sie besorgt an. Selbst er riet ihr ab, sah, was das Gefühl mit ihr tat. „Ich muss nach draußen…“ Sie erhob sich hastig vom Bett, zog sich an, verschloss die Fuchsfibel im roten Lodenstoff des Umhangs.
„Wir werden gehen.“ Salpico war zur Stelle, bereit ihr ein Freund zu sein. Doch sie wollte nicht nur um die Häuser streifen.
„Ich muss allein nach draußen.“
„Du wirst gehen.“ Gestand ihr Salpico schnarrend zu. Sie wollte zu Voltan Sprengler.

Der Wind hatte sie steif geweht, als sie schnellschrittig durch die Kaserne in Nardesheim eilte, um dem zu begegnen, dessen Ruhe sie schon einmal zur Vernunft bringen konnte. Und es war nicht nur das – sie genoss jeden Augenblick, den sie teilten. Es war für sie jedes Mal schwer, zu gehen, wenn er zugegen war. Er zog sie an. Seine Worte waren klug und verständnisvoll.
Und er war ein Inspektor der CriminalCammer und sie eine Phexgeweihte, deren letzter Einbruch eine Woche her war. Verphext. Verhext.
Voltan Sprengler gab ihr nicht das Gefühl, sie vor eine Herausforderung zu stellen. Da gab es nichts, was sie bei ihm durchdringen wollte. Natürlich war sie neugierig auf das Leben des Mannes. Eine gesunde Neugier, ein ehrliches Interesse. Aber ihr war nicht daran gelegen Langmut auf die Probe zu stellen oder Etikette zu brechen. Sie wollte seine Gesellschaft, ganz schlicht. Sie klopfte. Dreimal rasch.
„Ist offen..“ Er klang müde, abgekämpft. Ein bisschen genervt sogar. Andächtig langsam, als drang sie in das Allerheiligste eines Tempels vor, öffnete sie die Tür. Er saß auf einem Stuhl nahe dem Kamin und blätterte in einigen Akten, die auf seinem Schoß lagen. Als er endlich aufsah, stand sie schon im Raum, schloss die Tür hinter sich. Seine grauen Augen weiteten sich voll Überraschung.
„Du..!?“ mehr entkam seinen Lippen nicht, er erhob sich sofort, legte noch in derselben Bewegung die Pergamente auf den Tisch und schloss zu ihr auf.
Sie blickte ihm in dieses sprachlose Gesicht und die ambivalent vielsagenden Augen.
„Guten Abend, Voltan. Ich… wollte mit dir sprechen. Phexdan hat die Stadt verlassen und wir – Salpico und ich, haben unsere Zimmer geräumt.“
„Das habe ich gemerkt, ich bin da gewesen.“ Entgegnete er fast hastig.
„Wo seid ihr nun?“ fügte er eilig hinzu, schuf Distanz zwischen ihnen und schob einen zweiten Stuhl an den Kamin. „Bitte setz dich!“
Sie fühlte sich durcheinander. Mehrere Male startete sie den Versuch zu formulieren, was ihr durch den Kopf schoss, doch ihre eigenen Gedanken unterbrachen sie ein ums andere Mal. Immer wieder blickte sie ihm in die Augen, was sie ganz klassisch noch weiter aus der Bahn warf.
„Diese Ereignisse der letzten Zeit, sie hinterlassen Spuren. Ich fühle mich… geschädigt. Ich will ihnen wehtun, Voltan. Nicht nur Gewalt an sich, auch das, was sie…“
Das Gift!
Sie riss die Augen auf.
„Verflucht!“
Voltan starrte sie achtsam an: „Was ist los?!“
„Ich habe dieses Gift zu mir genommen und.. es wird bald wirken!“
„Gift?! Welches Gift? Wer hat es dir verabreicht!?“
„Salpico!“ Sie ahnte, dass dieses Gespräch in ein Missverständnis führen würde, wenn sie sich nicht konzentrierte.
„Er hat es mir besorgt, wegen…“ andeutend legt sie die Rechte auf ihren Unterleib. „Ich hatte nur vergessen, dass ich es genommen habe! In etwa einem Stundenlauf wird es wirken!“ Sie biss die Kiefer aufeinander. Soetwas Dummes… Sie wollte nicht vor ihm bluten, heulen, stinken und leiden. Das war nicht die Seite von sich, die sie diesem Mann so früh offenbaren wollte. „Du kannst hier bleiben! Nimm das Bett, ich-“
„Nein, schon gut – ich werde bald gehen.“ Sie bemühte sich um Gelassenheit.
„Es ist nur so.. Ich habe heute dieses Haus in Eschenrod gekauft. Ich will dort hinziehen. Ich werde Eschenrod die Stirn bieten. Ich will mich wieder sicher fühlen…“
Sie schüttete ihm ihr Herz aus. Baute auf das Fundament des Vertrauens, das sie beide gelegt hatten. Sie erzählte ihm von ihren Gefühlen der Rache. Dem Gefühl der Angst. Sie gestand ihm, dass sie einen Zauber genutzt hatte, um von vornherein ein Feilschen zu unterbinden. Sie wollte ihm noch so vieles mehr von sich preisgeben, ohne eine Gegenleistung zu fordern oder nur zu erwarten. Sie machte sich verletzbar. Und sie war sich darüber im Klaren. Aber es tat so furchtbar gut, diesem Mann zu offenbaren, wer sie war. Auch wenn er dann und wann mit Bestürzung reagierte. Nie wandte er die Augen ab. Und es beruhigte sie. Das schwarze Feuer in ihr wurde kleiner.
Als die Schmerzen in ihrem Körper einsetzen, die die Tollkirsche hervorrief und die sie in Kürze zum Bluten bringen würden, war sie bereits fast in der Herberge. Sprengler musste sie die letzten Schritte stützen. Sie begann zu husten und glaubte zu sterben, als sich Salpico ihrer annahm.

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